Kunst im Wiederaufbau

Bring Your Own Chair

Bring Your Own Chair ist der programmatische Name für ein mobiles Open-Air-Kino in Westgeorgien. Zugdidi, die Hauptstadt der Region Mingrelien und Oberswanetien (320 km von Tiflis entfernt), bildet den Ausgangspunkt für dieses Projekt der Jahre 2012 und 2013. Die Stadt liegt nahe der seit dem Sezessionskrieg Abchasiens¹ (1992/1993) bestehenden sogenannten Administrativgrenze zu dieser Region. Von rund 120’000 Einwohner*innen sind rund ein Drittel geflüchtete Menschen aus diesem Krieg. Die meisten von ihnen haben Zuflucht bei Verwandten, in Hotels, Schulen oder leerstehenden Fabriken in und um Zugdidi gefunden. In den vielen Jahren seither hat sich die Wohnsituation in manchen Unterkünften leicht verbessert, und einige Familien wurden umgesiedelt. Die Mehrheit der Geflüchteten lebt jedoch weiterhin in Armut und leidet besonders stark unter den mangelnden ökonomischen Perspektiven, mit denen auch die einheimische Bevölkerung konfrontiert ist. Die Arbeitslosenrate in der Region und die Abwanderung sind auch für georgische Verhältnisse sehr hoch. 2008 wurde Zugdidi kurzzeitig von russischen Truppen besetzt. Diese zogen sich später hinter den Fluss Ingur/i zurück, der nun einen Teil der aktuellen Administrativgrenze bildet. Über die Ingur/i-Brücke führt der derzeit einzige offizielle Grenzübergang. Dieser liegt ungefähr 8 km von Zugdidi entfernt und kann nur mit einer Spezialbewilligung überquert werden (oder im Falle von Ausländer*innen mit einer im Voraus beantragten Genehmigung). Im Jahr 2013 kann artasfoundation dies mit dem Projekt zumindest ansatzweise tun.

In Westgeorgien gibt es seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion kein Kino mehr. Die jüngere Generation wächst mit Fernsehen auf. Ziel des Projektes ist es nicht nur, hier an eine verlorene Tradition anzuknüpfen (in der Sowjetzeit waren Kinovorführungen in lokalen Kulturzentren weit verbreitet), sondern den Menschen dieser Region auch Gelegenheit zu – nicht parteipolitisch motivierter – Versammlung und zu Austausch im öffentlichen Raum zu geben. Für das Team von artasfoundation bildet das mobile Kino eine optimale Gelegenheit, die Region und die Bedürfnisse ihrer Bewohner*innen besser kennenzulernen.

 

Bring Your Own Chair II (2013)

Foto: artasfoundation

Foto: artasfoundation

Foto: artasfoundation

Foto: artasfoundation

Foto: artasfoundation

Foto: artasfoundation

Foto: artasfoundation

Foto: artasfoundation

Die georgische Bevölkerung in Mingrelien und Oberswanetien und der angrenzenden Region (jenseits der heutigen sogenannten Administrativgrenze zu Abchasien¹ gelegen) hat durch die Kriege 1992/93 und 2008, die damit zusammenhängenden Flüchtlingsbewegungen und Zerstörungen ökonomischer Strukturen sehr gelitten. Bring Your Own Chair ergänzt bestehende Initiativen zum materiellen Wiederaufbau. Durch Kinoveranstaltungen belebt es den öffentlichen Raum und schafft Impulse für neue Ideen und neue Beziehungen.

Konkret geht es darum, Strukturen zu initiieren, die es den Bewohner*innen der Regionen um die Orte Zugdidi und Gal/i erlauben, regelmässig qualitativ hochstehende internationale Filme zu sehen. Nach über 25 Jahren ohne Kino wird für Menschen in dieser peripher gelegenen Region wieder ein Fenster zu verschiedenen Weltgegenden geöffnet und Filmkunst unabhängig vom Einkommen zugänglich sein.

Zu diesem Ziel wird von artasfoundation im Jahr 2012 auf der einen Seite der Administrativgrenze ein erstes Kinoprojekt durchgeführt: In Zugdidi und Umgebung ist im Frühherbst ein mobiles Open-Air-Kino unterwegs und zeigt an 28 Filmabenden an 13 verschiedenen Orten seine Filme.

Im Jahr 2013 wird an diese Erfahrungen angeknüpft. Neben Kinovorstellungen in Zugdidi und Umgebung soll die Route des mobilen Kinos neu auf Abchasien¹ ausgedehnt werden. Dies gelingt jedoch nur ansatzweise, da die erforderlichen zusätzlichen Genehmigungen im letzten Moment nicht erteilt werden. Durch Kooperation mit der lokalen Partner-NGO Samegrelo Medea kann aber immerhin ein Teil des Geplanten realisiert werden.

Das Filmprogramm umfasst internationale Studio-Filme, Filme aus dem Südkaukasus und ein Kinderfilmprogramm.

2013 wird das Kinoprojekt auch in Zugdidi erweitert und in einer Zusammenarbeit zwischen dem Schweizer Verein Zauberlaterne und einheimischen Organisator*innen der lokale Filmclub Zauberlaterne Zugdidi gegründet. Dieser bietet ab dem Herbst regelmässige Vorstellungen für Kinder und Jugendliche an. Das Programm wird gemäss eines medienpädagogischen Gesamtkonzeptes vom Verein Zauberlaterne erstellt, artasfoundation vermittelt Kontakte, organisiert den Know-how-Transfer und stellt die Infrastruktur bereit. Bei den Open-Air-Kinoveranstaltungen in Zugdidi und Umgebung wird für die Zauberlaterne Zugdidi geworben.

Filmliste
Presse

Partner

Projektteam
Patrick Kull (Leitung), Corina Caviezel, Tom Kotitschan für artasfoundation und Marina Davitaia (Leitung), Shorena Ketsbaia, Elene Kikalia, Marta Todua, Lasha-Georgi Todua, Nino Toloraria, Tamuna Tchania für Samegrelo Medea

Partnerorganisationen
Samegrelo Medea, Zugdidi
Sukhum/i Youth House
Avantgarde, Gal/i

Finanzieller Beitrag
DEZA Kooperationsbüro für den Südkaukasus

Praktische Unterstützung
Lana Chakhaia, Gaga Chkheidze, Levan Jabua, Tamara Janashia, Maka Jikia

Bring Your Own Chair I (2012)

Foto: artasfoundation

Foto: artasfoundation

Foto: artasfoundation

Foto: artasfoundation

Foto: artasfoundation

Foto: artasfoundation

Unter dem Titel Bring Your Own Chair veranstaltet artasfoundation gemeinsam mit der georgischen NGO Samegrelo Medea im Herbst 2012 eine Serie von Open-Air-Kinovorführungen. In einem Zeitraum von vier Wochen finden insgesamt 28 Filmabende an 13 Orten in und um Zugdidi statt. Das Open-Air-Kino wird in kleinen Dörfern oder bei Unterkünften für Vertriebene (IDP Collective Centers) aufgebaut. Bei freiem Eintritt sind jeweils ein Vorfilm aus der georgischen Filmgeschichte sowie ein internationaler Feature Film zu sehen.

Ziel des Projektes ist es, nach einer Unterbrechung von über 25 Jahren wieder Filmkunst in eine abgelegene
 und von Krieg betroffene Region in Georgien zu bringen. Für die lokale Bevölkerung und die aus
 Abchasien¹ vertriebenen Menschen öffnet das Projekt ein Fenster zu verschiedenen Regionen der Welt
 und präsentiert Themen, die im internationalen Kino diskutiert werden. Dabei kann es auf eine Tradition von Filmvorführungen Bezug nehmen, die in Westgeorgien und Abchasien¹ bis in die 1990er Jahre existierte.

Obwohl Filmvorführungen und unpolitische Veranstaltungen an öffentlichen Orten für die meisten Besucher*innen ungewohnt sind, finden sie regen Zuspruch. Das Publikum reicht von 30 bis ca. 120 Personen, darunter viele Kinder. Von den Filmen (12 Kurzfilme und 14 Feature Filme) treffen insbesondere europäische und amerikanische Klassiker den Geschmack des Publikums.

Im Zuge der Filmvorführungen in Zugdidi werden Kontakte zu lokalen Schulen und Behörden geknüpft, mit denen der Aufbau einer lokal getragenen Kinoinitiative starten kann.

Filmliste

Partner

Projektteam
Patrick Kull (Leitung), Adrian Bodisch, Corina Caviezel für artasfoundation und
Marina Davitaia (Leitung), Iana Emukhvari, Teimuraz Gitolendia, Shorena Ketsbaia für Samegrelo Medea

Partnerorganisationen
Samegrelo Medea, Zugdidi
DEZA Kooperationsbüro für den Südkaukasus
Cinéma Solaire, Winterthur

Finanzieller Beitrag
RhW Stiftung
Valüna Stiftung
DEZA Kooperationsbüro für den Südkaukasus

Praktische Unterstützung
Zviad Arabidze, Natia Bachilava, David Bergad (Zaentz Media Center), Eva Blondiau (Pandorafilm), Lana Chakhaia, Gaga Chkheidze, Ferdinand Freising (HFF München), Christina Hunter (Hunter Group), Lavan Jabua, Tamara Janashia, Nana Janelidze, Maka Jikia, Rusudan Kalichava, Josi Konski (Astrablu Media), Peter Liechti, Fiona Meisel, Stadtverwaltung Zugdidi, Birgit Reichert, Cyrill Schläpfer, Beat Schneider, Christoph Seiler (Cinéma Solaire), Ludmila Sirokova (Volgafilm), Stucky Film, Claus Wischmann (Sounding Images), Yves Yersin

¹artasfoundation betont, dass die Nutzung von Bezeichnungen und Namen, besonders im Hinblick auf die Konfliktregionen, nicht als Anerkennung oder Nichtanerkennung durch die Stiftung ausgelegt werden sollen. Sie haben in diesem Zusammenhang keinerlei politische Konnotationen.