Kunst im Wiederaufbau

Art Camp

Die von artasfoundation initiierten und organisierten Projekte Art Camp sind Arbeitsaufenthalte für Studierende der Staatlichen Kunstakademie von Tiflis und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) in von Krieg betroffenen Dörfern und Flüchtlingssiedlungen der Region Shida Kartli in Georgien.

Lang dauernde Spannungen führten in dieser Region
 an der Südseite des Kaukasusgebirges im Jahr 2008 zu einem Krieg und der de facto Abtrennung Südossetiens¹ von Georgien. Viele Menschen ossetischer oder georgischer Herkunft wurden aus ihren Häusern und Dörfern vertrieben. Allein auf der georgischen Seite der gegenwärtigen, sogenannten Administrativgrenze (ABL) 
leben heute ca. 20’000 geflüchtete Menschen (Internally Displaced Persons). Ein Teil von ihnen ist bei Verwandten und in privaten Häusern untergekommen, oft in Tiflis. Noch heute leben aber ca. 12’000 Menschen in 38 Flüchtlingssiedlungen in der Nähe der Administrativgrenze. Diese bestehen aus 60 bis 2000 kleinen Fertighäusern, die vom georgischen Staat oder internationalen Spendern errichtet wurden. Khurvaleti und Shavshvebi, die Standorte der ersten beiden Art Camps (2012 und 2014) sind solche Siedlungen.

In der gegenwärtigen politischen Situation zeichnet sich keine baldige Rückkehrmöglichkeit für die Geflüchteten ab. Die Menschen erhalten vom georgischen Staat eine geringe monatliche Unterstützung und leben vom Ertrag der kleinen Gärten um jedes Haus. Ihre Mobilität ist gering, und die Arbeitslosigkeit ist höher als die ohnehin gravierende im ganzen Land.

Das dritte Art Camp findet 2015 wiederum mit Kunststudierenden aus Georgien und der Schweiz im vom Krieg ebenfalls stark getroffenen Dorf Zemo Nikozi, einem ehemaligen Vorort der Stadt Tskinvali, statt.

 

Art Camp 2015

Foto: artasfoundation

Foto: artasfoundation

2015 wird das Art Camp in seiner dritten Ausgabe im Dorf Zemo Nikozi fortgesetzt. Das Dorf liegt unmittelbar an der Demarkationsline der seit dem Krieg 2008 strikte abgetrennten Region von Südossetien¹. In Georgien ist es nicht nur wegen der grossen Zerstörungen aus dem Krieg, sondern auch wegen seiner Apfelproduktion bekannt.

12 Studierende der ZHdK reisen zwischen dem 27. September und dem 11.Oktober 2015 nach Georgien, treffen dort eine gleich grosse Gruppe Kunstschaffender aus Tiflis, und fahren zusammen weiter nach Zemo Nikozi. Dort wohnen sie bei Familien und arbeiten dann, ausgehend von ihrer Position als Besucher*innen, in georgisch-schweizerisch gemischten Gruppen an Kunstprojekten zur lokalen Situation. Bei den künstlerischen Arbeiten, die oft aus Gesprächen mit den Dorfbewohner*innen entstehen, wird einem erprobenden, prozesshaften Vorgehen gegenüber einer Verpflichtung auf Erstellung fertiger Werke den Vorzug gegeben. Verschiedene Medien und Arbeitsformen kommen zum Einsatz, dabei entstehen z. B. eine Performance zu Frauenbiografien, Audio- und Filmaufnahmen zu einem Volkslied, ein Zeichnungsbuch zu Erzählungen aus der lokalen Sanitätsstation oder einige Wandbilder im Schulgebäude. Mit vereinten Kräften wird ein auf einem Feld verrostender Radpanzer in ein Schiff verwandelt und feierlich seine Segel gehisst. Alles wird den Gastfamilien aus Nikozi am Ende in einer gut besuchten Ausstellung im Schulgebäude gezeigt.

Die Ziele beziehen sich einerseits auf den Ort und die lokale Bevölkerung und andererseits, für die Studierenden, auf die Formen der Zusammenarbeit und die Begegnungen. D. h. es geht (1) um ein Schaffen von Gelegenheiten für respektvolle Begegnungen und gegenseitigen Austausch zwischen den Studierenden und den Gastgeber*innen vor Ort; (2) um Abwechslung oder Erweiterung für den Alltag der Bewohner*innen, vielleicht sogar um ihre Stärkung durch das Interesse von Menschen „von so weit her“; (3) um die Ermittlung zentraler Anliegen der Dorfbevölkerung durch Kunst; (4) um eine Reflexion über Sinn und Möglichkeiten eines künstlerischen Arbeitens in einer von Konflikten betroffenen Region, das sich nicht als „humanitäre Hilfe“ versteht; und (5) um ein Sammeln von Erfahrungen mit einer Zusammenarbeit von Kunstschaffenden, die – zumindest teilweise – von unterschiedlichen Verständnissen und Traditionen von Kunst ausgehen.

Partner

Studierende
Mariam Agdgomelashvili, Malkhaz Bejuashvili, August Blum, Leonia Brenner, Céline Brunko, Morena Buser, Torkine Gabedava, Mariam Gurgenidze, Giorgi Kopadze, Dato Koroshinadze, Mirian Labadze, Enri Lamazoshvili, Basil Meister, Jessica Rensch, Suzanne Richard, Inga Salvashvili, Tsira Sanaia, Torkine Sanodze, Milena Sentobe, Levan Shvelidze, Valentina Triet, Zura Tsopurashvili, Lucas Ziegler

Dozierende
Franziska Koch (ZHdK)
Dagmar Reichert (ZHdK, artasfoundation)
Ilia Zautashvili (Staatliche Kunstakademie Tiflis)

Lokale Koordination
Marika Mgrebishvili

Partnerorganisationen
Vereinigung Biliki, Gori
Staatliche Kunstakademie Tiflis
Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK)

Finanzieller Beitrag
DEZA Kooperationsbüro für den Südkaukasus

Art Camp 2014

Foto: artasfoundation

Foto: artasfoundation

Foto: artasfoundation

Foto: artasfoundation

Foto: artasfoundation

Foto: Iliko Zautashvili

Foto: Iliko Zautashvili

Foto: Iliko Zautashvili

Foto: Iliko Zautashvili

Foto: Iliko Zautashvili

Foto: Iliko Zautashvili

Art Camp – ein Arbeitsaufenthalt von Studierenden der Staatlichen Kunstakademie Tiflis und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) in einer Behelfssiedlung für Geflüchtete aus Südossetien¹ in Shida Kartli – findet 2014 mit neuen Teilnehmenden seine Fortsetzung.
Diesmal reist die Gruppe Anfang März 2014 in das IDP-Settlement Shavshvebi in der Nähe der Stadt Gori. Für zwei Wochen wohnen die Studierenden und Dozierenden in den kleinen Häusern, die dort für die Geflüchteten gebaut wurden. Da einige von ihnen leer stehen, können sie gemietet werden.

In georgisch-schweizerischen Gruppen entwickeln die Teilnehmenden künstlerische Interventionen, bei denen die Begegnung mit den Bewohner*innen der Siedlung im Zentrum steht. Selbst für die georgischen Studierenden ist dabei vieles neu. Umgekehrt erfahren die Menschen aus Shavshvebi durch die künstlerischen Arbeiten, wie ihr Zufluchtsort im Aussen-Blick georgischer und schweizerischer Studierender erscheint. Gespräche und Austausch werden dadurch angeregt. Weitere rege Diskussionen, insbesondere mit Jugendlichen, entstehen – gefördert durch das kalte und windige Wetter – beim gemeinsamen Zeichnen im notdürftig geheizten Gruppenraum, sowie bei zwei abendlichen Film- und Gesangsveranstaltungen, die gemeinsam mit den Siedlungsbewohner*innen durchgeführt werden. Beide enden mit einer überfüllten, allgemeinen Disco – und dem Zusammenbruch der mitgebrachten Verstärkeranlage.

Partner

Studierende
Brigham Baker, Fiona Bobo, Tsitsi Bodokia, Svetlana Bürki, Mariam Chekurishvili, Yannis Christ, Tobias Dimmler, Mariam Djadjaia, Tamta Djakhua, Gaioz Djincharadze, Nino Djokhadze, Nino Esaiashvili Cathrin Jarema, Lika Koinashvili Aleksandre Kvirikadze, Davit Nargizishvili, Elena Obgaidze, Jessica Rensch, Evan Ruetsch, Basil Schubert, Mariam Sulakvelidze, Tharaneh Wanner, Ucha Zgudadze

Dozierende
Franziska Koch (ZHdK)
Dagmar Reichert (ZHdK, artasfoundation)
Tina Tskhadadze (Staatliche Kunstakademie Tiflis)
Ilia Zautashvili (Staatliche Kunstakademie Tiflis)

Lokale Koordination
Marika Mgrebishvili, Gori
Galina Okropiridze, Shavshvebi

Partnerorganisationen
Vereinigung Biliki, Gori
Staatliche Kunstakademie Tiflis
Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK)

Art Camp 2012

Ende August 2012 treffen sich 12 Studierende der Staatlichen Kunstakademie von Tiflis und 12 Studierende der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und reisen gemeinsam nach Khurvaleti, einer Flüchtlingssiedlung (IDP-Settlement), 16 km von der georgischen Stadt Gori entfernt. In dieser Siedlung wohnen sie für zehn Tage und entwickeln gemeinsam künstlerische Arbeiten.

artasfoundation hat die vorgängigen Kontakte zu den Bewohner*innen der Siedlung und des nahegelegenen Dorfes Khurvaleti durch Vermittlung der NGO Biliki aus Gori geknüpft, die zudem die Durchführung des Projektes logistisch begleitet.

Die Kunststudierenden aus Tiflis und Zürich arbeiten in kleinen Gruppen und realisieren, basierend auf Recherchen und Gesprächen mit den ansässigen Menschen, Kunstprojekte. So z. B. eine Musik-, Gesangs- und Tanznacht mit allen Bewohner*innen; einen in Holz gekerbten Plan der Flüchtlingssiedlung, auf dem die Bewohner*innen mit Beruf, Herkunft und Übernamen verzeichnet und teilweise porträtiert sind; Markierungen für eine Bushaltestelle, gemalt auf einen Schotterweg. Wo sicher nie ein Bus ankommen wird, werden diese zum Symbol für das Warten. Aus Gesprächen zwischen Studierenden und Bevölkerung zum Thema „happiness“ entsteht eine Videoarbeit; Studierende und einheimische Frauen nähen gemeinsam einen Wandteppich (Quilt), der von ihren Erinnerungen, Träumen und Alltagssituationen erzählt; aufbauend auf der Untersuchung über die Heimatorte der Geflüchteten werden deren Koordinaten in Beziehung zu einer existierenden Sternenkonstellation gesetzt; durch selbst gezimmerte Tische und Bänke wird auf dem zentralen Platz der Siedlung ein öffentlicher Begegnungsraum eingerichtet; mit einem weissen Vorhang als simpler Bühnenkonstruktion sammelt eine Gruppe performative Szenen und schafft veränderte Blicke auf den Ort.

Die Arbeiten werden von Kunstdozentinnen unterstützt. Diese begleiten zudem die laufende Reflexion über künstlerisches Arbeiten in einer vom Krieg betroffenen Region. Wie die am Ende von Biliki und der ZHdK durchgeführte Evaluation zeigt, findet das Projekt sowohl bei den Bewohner*innen der Siedlung als auch bei den Studierenden starken und positiven Nachhall. Bringt es ersteren insbesondere Abwechslung und Freude am Interesse Fremder an ihrer Situation, so kommt es zwischen den georgischen und den Schweizer Studierenden zu einem vertieften Austausch über Ausbildungsrichtungen, und die Studierenden beider Länder können ihre Haltung in extremen Lebenssituationen erfahren und überdenken.

Presse

Partner

Studierende
Shima Asa, Nanka Bagaturia, Selin Bourquin, Clifford Bruckmann, Tinatin Davadze, Nona Davitaia, Galaktion Ersitavi (Gruppenleitung), Julia Gehrig, Marekh Gorgiladze, Anna Gzirishvili, Olivia Haggenmacher, Natia Kapanade, Nino Khuroshvili, Niko Kobaidze, Mutsa Metreveli, Thomas Moor, Linda Pfenninger, Sally Schönfeldt, Aleksi Soselia, Paula Tyliszczak, Tim Wandelt, Tamara Widmer, Julia Znoi

Dozierende
Franziska Koch (ZHdK)
Dagmar Reichert (ZHdK, artasfoundation)

Lokale Koordination
Marika Mgrebishvili, Gori
Tamara Janashia, Tiflis

Partnerorganisationen
Vereinigung Biliki, Gori
Staatliche Kunstakademie Tiflis
Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK)

Finanzieller Beitrag
DEZA Kooperationsbüro für den Südkaukasus

¹artasfoundation betont, dass die Nutzung von Bezeichnungen und Namen, besonders im Hinblick auf die Konfliktregionen, nicht als Anerkennung oder Nichtanerkennung durch die Stiftung ausgelegt werden sollen. Sie haben in diesem Zusammenhang keinerlei politische Konnotationen.